Abhandlung über Theatertherapie

Angela Fricke
OT Nauden Nr. 2
29487 Luckau

"ICH BIN ICH"

Einblicke, Berührungen und Erfahrungen aus der theatertherapeutischen Arbeit mit essgestörten Patienten im stationären psychotherapeutischen Bereich

Abschlussarbeit im Rahmen der 4jährigen Ausbildung zur gestaltorientierten Klinischen Theater- und Dramatherapeutin am HIGW

Inhaltsübersicht

1. "Und jeden Tag ein Stück weniger von mir" -
Meine ersten Berührungen mit der Essstörung

2. "Krankheit und Kranksein" –
Überblick über das Krankheitsbild/Ursachen und Funktion der Essstörung

3. "Sein oder Nicht-Sein" –
Drama/Theater und Therapie

4. "Das kann ich alles sein!" –
Theatertherapie an der Klinik in Bad Bodenteich

4.1 Der strukturelle Rahmen
4.2 Konzeptioneller Aufbau der Theatertherapiegruppe an der Klinik

5. "Auf die Bühne, fertig, los" –
Einblick in zwei theatertherapeutische Prozesse

5.1 Inga
5.2 Theresa

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1. "Und jeden Tag ein Stück weniger von mir" –

Meine ersten Berührungen mit der Essstörung

"Weil ich hungern muß, ich kann nicht anders…",
sagte der Hungerkünstler" "Da sieh mal einer",
sagte der Aufseher, "warum kannst du denn nicht anders?"
"Weil ich", sagte der Hungerkünstler, hob das Köpfchen
ein wenig und sprach wie mit zum Kuss gespitzten Lippen
gerade in das Ohr des Aufsehers hinein, damit nichts
verloren ginge, " weil ich nicht die Speise finden konnte,
die mir schmeckt. Hätte ich sie gefunden, glaube mir,
ich hätte kein Aufsehen gemacht und mich voll gegessen
wie du und alle." (Franz Kafka: Ein Hungerkünstler.)

Im August 2000 nahm ich die Tätigkeit als Co-Therapeutin an der psychosomatischen Klinik Bad Bodenteich, speziell in der Abteilung mit dem Behandlungsschwerpunkt von Essstörungen auf. In der therapeutischen Arbeit geht diese Klinik von einer ganzheitlichen Betrachtung des Menschen unter der Berücksichtigung der körperlichen, seelischen und sozialen sowie Umweltfaktoren gleichermaßen aus. Der Behandlungsschwerpunkt sind schwere und schwerste Ess-Störungen: In der eigenen Abteilung für Essstörungen werden Patienten mit Anorexie (Magersucht) oder Bulimie (Ess-Brech-Sucht) aufgenommen. Ebenso behandelt diese Klinik Patienten mit Adipositas (Fettsucht), die neben einer ernährungsmedizinischen auch einer psychotherapeutischen Behandlung bedürfen.

Der Essstörungsbereich umfasst derzeit ca. 90 Patienten, von denen ca. 70 Patienten mit den Indikationen Anorexie oder Bulimie aufgenommen werden. Häufig besteht eine sog, Komorbidität, d.h., eine Kombination der Essströung mit anderen psychischen Störungen. So stehen neben dem Ziel der Normalisierung des körperlichen Zustandes (Gewichtszunahme) und der Normalisierung des Ess- und Bewegungsverhaltens auch die Bearbeitung intrapsychischer und interpersoneller Spannungen, d.h., die Konfliktklärung und –bearbeitung. Von Beginn des stationären Aufenthaltes an wird psychotherapeutisch sowohl symptomorientiert-verhaltenstherapeutisch als auch tiefenpsychologisch-fundiert gearbeitet. Die Klinik favorisiert in diesem Zusammenhang eine symptom- und patientenbezogene Vorgehensweise. Psychotherapeutische Behandlung wird nicht von einem Mindestgewicht oder vom vorherigen Symptomverzicht abhängig gemacht.

Durch engen und intensiven Kontakt mit Patienten aus dem Essstörungsbereich im Rahmen meiner Co-therapeutischen Tätigkeit kam ich zum ersten Mal mit anorektischen und bulimischen Patienten in Berührung und Kontakt. Ich merkte schnell, dass Anorexie und Bulimie Ausdrucksformen sind, die zunächst nicht so ohne weiteres für mich verständlich waren - eine Sprache dieser Menschen, die sich nicht anders zu artikulieren wissen. Was wollen diese Menschen ausdrücken, die hungern bzw. Massen von Nahrung verschlingen, um sie dann wieder zu erbrechen, die sich von morgens bis abends kontrollieren und bewegen müssen? Es sind schließlich Menschen, die im Rahmen der Essstörung täuschen und betrügen, während sie gleichzeitig Perfektion anstreben und den Wunsch haben, ihre Eltern niemals zu enttäuschen.

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Ich wurde konfrontiert mit Hilflosigkeit und Leere der Patienten, mit dem verzweifelten Kampf, vom Symptom der Essstörung als häufig einzige Abgrenzungsmöglichkeit loszulassen zu können, mit sehr viel ausgeprägtem Selbsthass und Negation dem Körper gegenüber. Die Patienten negieren die eigene Persönlichkeit, die voller Bedürfnisse, Hunger, Zorn und Sehnsucht ist, mit anstrengenden Ritualen verwandeln sie sich in eine Person, die sie akzeptieren können. Diese Unterwerfung schafft eine Grenze zwischen der Person und ihren Bedürfnissen. Im Laufe meiner Arbeit mit diesen Patienten sah ich gewissermaßen das Symptom der Essstörung als Sprachrohr des Patienten, und die Entdeckung jener Person ist der Schlüssel zum Verstehen und Heilen der Essstörung. So fühlte ich mich von vielen Konflikten der Patienten berührt, die die Patienten durch die Essstörung zum Ausdruck bringen. Mir wurde deutlich, dass ein wichtiger Bestandteil in der Therapie die Bearbeitung von Problematiken wie

  • Körperschemastörung
  • Starke Kontrolle der eigenen Handlungen
  • Überhöhte Anpassung an die Umwelt
  • Unadäquate Grenzsetzungsfähigkeit - Essstörung oft als einzige Form der Abgrenzung
  • Leben eines sehr starren Lebenskonzeptes
  • Wenig Fähigkeit in der Wahrnehmung von Emotionen und deren Ausdrucksfähigkeit
  • Wenig vorhandenes Selbstwertgefühl mit wenig vorhandener Ich-Stärke; Schaffung einer Pseudoautonomie
  • Perfektionismus
  • Angst vor Lust, vor Leben, Liebe und Selbstachtung sind.

Im Kontakt zu den Patienten fiel mir aber auch das hohe kreative Potential auf. Oft brachten Patienten zu den Einzelkontakten bei mir Bilder und Gedichte mit, in denen das für die Patienten oft Unaussprechbare sichtbar wurde. So kam ich im März 2001 fast zeitgleich mit Beginn meiner Theatertherapieausbildung am HIGW auf die Idee, eine Theatergruppe an dieser Klinik ins Leben zu rufen. Zunächst war die Theatergruppe als Freizeitangebot konzipiert, welches einmal wöchentlich installiert wurde. Mein Hauptaugenmerk lag zunächst darin, den Patienten neben ihrem sehr strukturierten und straff organisierten Therapiealltag in unserem Hause eine Abwechslung zu bieten, ich wollte einen Raum eröffnen, in dem entgegen den überwiegend verbal ausgelegten Psychotherapiegruppen am Tag dieses kreative Potential Platz haben konnte.

In diesem Angebot wurden über das Spiel miteinander die Grundthematiken der Patienten sehr schnell und deutlich sichtbar, mir wurde der therapeutische Aspekt sehr schnell bewusst, so wurde aus dieser zunächst als Freizeitangebot ausgewiesene "Theater-Werkstatt" die theatertherapeutische Gruppe, die nun fest für die Patienten ins Therapiekonzept seitens der Klinik installiert wurde. Mittlerweile gibt es wöchentlich drei Theatertherapiegruppen. Hier geht es z.B. darum, sich mit neuen "Rollen"-Anteilen auszuprobieren, damit zu experimentieren und sich im geschützten Rahmen, der in unserer Klinik gegeben ist, zu zeigen.

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Die Aspekte des Selberspielens und auch des Zuschauens zur Sensibilisierung der eigenen Wahrnehmungsfähigkeit wechseln hier ab. So gilt es hier, mittels der Verbindung des Mediums Theater und Therapie, Themen, Impulse, Ideen und Inhalte der Patienten aufzugreifen und über Improvisationstechniken, Körperwahrnehmungs-, Stimm-, Bewegungs- und spielerischen Kontaktübungen szenisch umzusetzen und somit zum Ausdruck zu bringen. Hierbei geht es für mich um die Hinführung zur sinnlichen Wahrnehmung und Vorstellungskraft, Präsenz, Emotionalität und Ausdruck, Vergrößerung der Aktionsfähigkeiten (für sich selbst, aber auch in Beziehung mit anderen), Symbolisierungsfähigkeit/Ausdrucksfähigkeit, d.h., kreative Darstellung der eigenen Bedürfnisse, Sehnsüchte, Wünsche, Emotionen uvm. Es geht darum, sich mittels dem Medium Theater inspirieren und bewegen lassen zu können, mit sich Selbst und anderen ins Spiel, in Kontakt und in einen Ausdruck kommen zu können.

In dieser nun vorliegenden Arbeit möchte ich über meine Erfahrungen aus meiner theater-/dramatherapeutischen Tätigkeit mit essgestörten Patienten im stationären Kontext an der Klinik in Bad Bodenteich beleuchten. Ich habe mich dafür entschieden, die Bezeichnung Patient zu wählen, da, obwohl überwiegend junge Mädchen und Frauen von einer Essstörung betroffen sind, ich in meiner Praxis auch vermehrt mit männlichen Patienten in Berührung komme.

Zunächst ist es mir wichtig, einleitend einen theoretischen Hintergrund bzgl. Krankheitsbild, Ursachen und Funktion der Anorexia nervosa und Bulemia nervosa zu geben. Ich halte dies für wichtig, dass Therapeuten und Betroffene versuchen, die Sprache der Essgestörten zu verstehen, denn nur so besteht die Chance, dass die essgestörten Patienten zu ihrer eigenen Identität finden können. Gerade in der Therapie mit essgestörten Patienten ist für das Verständnis dieser Patientengruppe auch das Beleuchten des theoretischen Hintergrundes sehr wichtig und sinnvoll, für das tiefere Verständnis, das aus dem Begreifen der Wechselwirkung zwischen sozialer Umwelt einschließlich ihrer Normen und psychischen Reaktion eines Menschen resultiert.

2. Krankheit und Kranksein

Überblick über das Krankheitsbild/Ursachen und Funktion der Essstörung

Anorexia nervosa und Bulimia nervosa zählen in der Psychiatrie zu den psychosomatischen Krankheiten, die trotz der großen Verbreitung in unserer Zeit viele offene Fragen aufzeigt. Die Ursachen dieser Krankheiten sind nicht restlos aufgeklärt. Viele Faktoren für einen betroffenen Menschen können benannt werden, wie gesellschaftspolitische Vorgaben, familiäre Situationen und nicht zuletzt die individuelle Lebensgeschichte. Besonders gravierend ist, dass bei der Anorexia nervosa nach wie vor mit einer erschreckend hohen Sterblichkeit von bis zu 15 Prozent gerechnet werden muß. Dem Wunsch nach einer Traumfigur eifern viele nach – entweder legen sie sich selbst diesen Druck auf oder sie geben dem äußeren Druck ihrer Mitmenschen nach. Wenn der Druck groß genug wird und wiederholte Abmagerungskuren und Diäten nicht den gewünschten Erfolg gebracht haben, werden zusätzliche Methoden zur Gewichtsregulierung eingesetzt wie Null-Diät, Abführmittel, entwässernde Medikamente, willentliches Erbrechen nach einer "Diätsünde" oder auch exzessive sportliche Aktivitäten. Dies alles wird zu einem gestörten Essverhalten gerechnet.

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Damit ein Mensch anorektisch oder bulemisch wird muss viel geschehen. Ausschlaggebend sind soziokulturelle, individuelle und familiendynamische, aber auch biologische und genetische Faktoren. Vor allem junge Mädchen und Frauen erliegen den häufig durch die Massenmedien propagierten Verheißungen einer schlanken "Idealfigur", und ihr Streben danach wird immer unrealistischer und zerstörerischer.

Die Wurzeln von Magersucht und Bulimie reichen häufig bis in die frühe Kindheit. Bei einigen Erkrankten kommen einschneidende Lebensereignisse hinzu, die als Auslöser wirkten, wie der Verlust einer wichtigen Bezugsperson oder das Ende eines Lebensabschnittes mit der Veränderung vertrauter Bedingungen. Die später an einer Essstörung Erkrankten hungern nach Anerkennung, die nicht selten mit Liebe verwechselt wird. Sie fühlen sich oft verantwortlich für das Glück und die Zufriedenheit der Familie und deren Harmonie, einige sind überzeugt, der Lebensinhalt ihrer Eltern zu sein. Sie glauben, verpflichtet zu sein, das zu erreichen, was den Eltern selbst nicht gelungen ist. So ist nicht selten die Überzeugung vordergründig, ihre Eltern nur zufrieden stellen zu können, wenn sie einmal etwas Besonderes, Großartiges werden.

Allen gemeinsam ist ein starkes Gefühl der Dankbarkeit für alles, was die Eltern für sie getan haben, und der Druck ist groß, sich dankbar zu erweisen. Angesichts der vielfältigen Verpflichtungen der Familie gegenüber bleibt diesen jungen Menschen häufig wenig Raum für eine individuelle altersentsprechende Entwicklung und Entfaltung ihrer eigenen Persönlichkeit. Ihr Selbstwertgefühl ist niedrig, was sie vielfältig zu kompensieren versuchen und hinter einer sicheren, gelegentlich sogar arroganten Fassade zu verbergen wissen. Aus Angst vor den Unsicherheiten des Lebens klammern sie sich zwanghaft an alle sog. Sicherheiten wie Leistung, Ordnung und Pflichterfüllung. Sie passen sich den Normen und Meinungen ihrer Umgebung an und sind ständig auf der Lauer, um aufzuspüren, was andere von ihnen erwarten. Sie hassen und verachten sich, wenn sie hinter ihren hohen Erwartungen zurückbleiben. Fast alle träumen von einer besseren Zukunft und verpassen darüber die Gegenwart.

In den Familien von essgestörten Patienten herrscht größtenteils keine geistige oder materielle Armut. Es sind häufig solide, intakte Familien. Häufig sind es Familiensysteme mit einem vorherrschenden Wertesystem, in dem Emotionen genormt, Spontanität verkümmert, Individualität nicht erwünscht ist, Pflichterfüllung, Funktionieren und Leistung über alles geschätzt werden. Seelische Bedürfnisse, Sehnsüchte, Enttäuschungen, Demütigungen und Kränkungen gelangen nicht an die Oberfläche. Gefühle zu haben oder sie zu zeigen, gilt als Schwäche. Negative Gefühle darf es nicht geben, aber auch positive Emotionen sollten sich im Rahmen halten. Solchen Prinzipien entsprechend werden in diesen Familien Konflikte gelöst. Es ist fast unmöglich, sich abzugrenzen, v.a. für einen jungen Menschen, der selbstunsicher und existentiell abhängig ist von der Anerkennung und Zuwendung seiner Eltern. In dieser Atmosphäre gewinnen Essstörungen ihren Sinn, hier erfüllen sie ein Vielzahl von Funktionen. Familien, in denen Konflikte nicht ausgetragen werden, in denen Emotionen und Schwächen keinen Platz haben, brauchen eine andere Ausdrucksform, um sich zu artikulieren. Es liegt nahe, dass Krankheiten eine große Rolle spielen müssen.

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In der Arbeit mit essgestörten Patienten gilt es, die individuelle Botschaft zu entschlüsseln, die sich hinter ihrer Essstörung verbirgt. Während man mit Krankheit Schmerz und Leid, etwas Negatives, von dem ein kranker Mensch möglichst schnell befreit werden möchte, fühlen sich essgestörte Menschen im Erleben nicht als krank. Vor allem anorektische Patienten empfinden ihre Essstörung gefährlich lange als Macht und Stärke, als etwas Besonderes.

Anorexie und Bulimie ersetzen den Betroffenen scheinbar den fehlenden Lebenssinn und –inhalt. Die Essstörung gewährt ihnen jederzeit Zuflucht nach Kränkungen, bei Spannungen und drohenden Auseinandersetzungen und schützen sie vor Entscheidungen und nicht zuletzt vor dem Erwachsenwerden. So liegt bei der Anorexie häufig ein Problem mit dem Erwachsenwerden, hingegen bei der Bulimie das Problem mit dem Erwachsensein. Die fehlinvestierte Energie, die Essgestörte häufig in den Erhalt ihrer Erkrankung investieren, gilt es in der Therapie umzulenken in Selbstwertgefühl, Identität und Autonomie. Ziel ist ein von der Essstörung befreites, eigenständiges Leben führen zu können.

 
Aussagen von Betroffenen:

"Alles war so hoffnungslos und ausweglos. Der einzige Triumph, den ich hatte, war mein Hungern. Es war die Macht, die Gewalt, die Beherrschung über meinen Körper. …"

"Ich bemerkte, dass meine Eltern fast umkamen vor Sorgen um mich, und das gab mir ein gutes Gefühl. … Aber diese Sorge und diese Angst, die ich erstmals bei meinen Eltern spürte, ihr Interesse an meiner Existenz, brachten mich dazu, immer weiter und immer fanatischer zu hungern. …"

"Ich denke, ich bin in diese furchtbare Magersucht geraten, weil ich nicht erwachsen werden wollte…."

"Ich war in meinem Kampf um Eigenständigkeit gescheitert und hatte dadurch immer mehr an Selbstvertrauen verloren. …"

"Für mich bedeutet die Magersucht Lebenssinn, Lebensinhalt und die Sicherheit, dass meine Eltern sich weiterhin für mich interessieren. …"

"Ich wollte mit meiner Magersucht zur Elite gehören und verband damit, außergewöhnlich, etwas Besonderes, Extravagantes, Einmaliges zu sein. …"

"Die Waage bestimmte mein Leben, mein Selbstwertgefühl hing einzig und allein von ihr ab!"

"Ich habe die unerklärliche Horrorvorstellung, dass von mir nichts übrig bleibt, wenn meine Magersucht bewältigt ist."

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3. "Sein oder Nicht-Sein" - Drama/Theater und Therapie

Verschiedene Definitionen zur Beschreibung der Dramatherapie:

Die British Association for Dramatherapists definiert die Dramatherapie als "Mittel zur Unterstützung des Verständnisses und der Linderung sozialer und psychischer Probleme, … und zur Förderung des symbolischen Ausdrucks, mittels dessen der Mensch zu sich selbst Kontakt aufnehmen kann". Die amerikanische National Association for Drama Therapy definiert Dramatherapie als den "Einsatz von Verfahren des Dramas bzw. des Theaters zur Erreichung des therapeutischen Ziels der Symptomentlastung, der emotionalen und physischen Integration und des persönlichen Wachstums".

Währenddessen die Drama-/Theatertherapie in Deutschland über viele Jahre ein Schattendasein in der zeitgenössischen Psychotherapie führt, ist sie in der USA, Großbritanien und Niederlande mehr integriert. Theatertherapie ist in Deutschland eine recht neue Disziplin und therapeutische Technik, obwohl Dramatherapie nicht eine gerade neue Therapieform ist, denn seit Jahrtausenden haben Kulturen das Drama als Teil des Heilungsprozesses eingesetzt.

Am Anfang meiner theatertherapeutischen Arbeit an der Klinik erfuhr ich, dass seitens der Kollegen Theatertherapie mit dem Psychodrama nach J. L. Moreno gleichgesetzt wird. Ich wurde konfrontiert mit Aussagen, wie "Psychodrama ist gut, habe ich auch mal gemacht und setze ich ab und an in der Gruppe ein …" oder "Vor zwei Jahren hat ein Kollege genauso wie Du auch eine Psychodramagruppe hier gemacht …". Obwohl das Psychodrama wesentliche Anregungen für die Theatertherapie bietet und sich die Theatertherapie Elementen des Psychodramas bedient, geht m.E. Theatertherapie über das Psychodrama bedeutend in der Nutzung anderer dramatischer und theatralischer Mittel hinaus, wie z.B. der Einsatz von Masken, Verkleidungen, Arbeit mit Tanz- und Bewegungssequenzen. Im Verlauf meiner Arbeit an dieser Klinik habe ich über eine innerbetriebliche Fortbildung meine Arbeit der Theatertherapie vorgestellt und Unterschiede zur Abgrenzung zum Psychodrama verdeutlicht.

Das Drama stellt einen Darstellungsprozess dar und ist eine Kunstform, die das Potential heilender Wirkung in sich bürgt. Drama ist neben der Trennung von Ich und Nicht-Ich auch durch die Trennung von Realitäten gekennzeichnet. Diese Feststellung mache ich mir in der theatertherapeutischen Arbeit zu Nutze. Dramatisierte Realität unterscheidet sich in Raum, Zeit und den Konsequenzen von der Alltagsrealität. Über das Theaterspiel haben die Patienten die Möglichkeit, schwierige Stufen ihres Lebens erkennen, erfahren und transformieren zu können. Es ermöglicht, sich durch dramatische Interaktion auf neue Weise zu verstehen. So bietet die Theatertherapie durch die Schaffung der Fiktion und durch die Aneignung fiktiver Rollen einen Schutzraum für die Patienten, in dem zunächst über den Schutz der Rolle eine Erprobung des Ichs in einer fiktiven Welt erfahrbar gemacht werden kann. Gerade in der Arbeit mit essgestörten Patienten habe ich die Erfahrung gemacht, dass die Patienten über die Annahme einer fiktiven Rolle/Figur in die Lage versetzt werden, Dinge auf eine Weise mitzuteilen, zu der sie sonst nicht in der Lage wären.

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Sie erfahren über diese fiktive Rolle die Befähigung, Gefühle und Emotionen relativ direkt und ungeschützt zunächst an sich selbst wahrzunehmen und auch auszudrücken, aber trotz allem den Schutz der Rolle zu genießen.

So können die Patienten in einer verdichteten Form Lebenserfahrungen durchspielen. Sie können Freiheit und Grenzen gleichermaßen im Spiel erfahren und Handlungsspielräume erkennen und erweitern. Mittels improvisatorischem Spiel, in z.T. vorgegebenen oder von den Teilnehmern eigens entwickelten Szenarien, mittels kleinen strukturierten Theaterspielen können die Patienten eine eigene Ausdrucksweise entwickeln. Hier sehe ich auch die Bedeutung des Dramas als therapeutisches Mittel. Es wird nicht direktiv an realen lebensgeschichtlichen Szenen des Patienten gearbeitet, wie es vordergründig im Psychodrama angewandt wird, sondern es erfolgt eine Distanzierung hinsichtlich des Hintergrundes des Patienten, was m.E. eine größere Annäherung an die Grundthematik erlaubt. Somit wird eine angstfreiere Aufarbeitung erlaubt, ohne schützende Abwehrsysteme zu zerstören.

In meiner theatertherapeutischen Arbeit stütze ich mich vom Ansatz eher auf die Bedienung der gestalttherapeutischen Elemente. Primär geht es um das gegenwärtige Kontaktverhalten und nicht um Kausalität, was in meiner Arbeit eher sekundär zum Tragen kommt. So geht es über das Theaterspiel im therapeutischen Kontext um das Erfahrbarmachen der eigenen Wahrnehmungs- bzw. Kontaktstörungen und neue Handlungsalternativen zu entwickeln. Gerade in der Therapie mit essgestörten Patienten nimmt einen großen Raum die sinnliche Wahrnehmung, Körperwahrnehmung und Körpergefühl, häufig nicht gefühlte Emotionen, wie Wut, Trauer, Angst, Scham, Freude etc. ein. Dabei liegt meine Konzentration in meiner Arbeit im Hier und Jetzt und in den Ressourcen der Patienten, die es zu stärken gilt und die nicht zuletzt Grundlage für den weiteren Erfahrungs- und Veränderungsprozess sind. Meine Aufgabe sehe ich eher in der Unterstützung und Begleitung der Patienten während ihres therapeutischen Prozesses und nicht in der Aufdeckung von traumatischem lebensgeschichtlichem Material, auch wenn Theatertherapie teilweise einen aufdeckenden Effekt erzielen kann.

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4. "Das kann ich alles sein!" – Theatertherapie an der Klinik in Bad Bodenteich

4.1. Der strukturelle Rahmen

Das theatertherapeutische Angebot an der Klinik umfasst derzeit drei Gruppen, von denen zwei Gruppen jeweils abends in der Zeit von 19.00 – 21.30 Uhr stattfinden. Die maximale Teilnehmerzahl ist auf 8 – 10 Teilnehmer begrenzt. Die Theatertherapie wird von den Bezugstherapeuten häufig mit klarer Zielstellung angemeldet. Oft kommt die Motivation der Teilnahme von den Patienten selbst, in einigen Fällen auch von den Basistherapeuten. Trotz allem basiert die Teilnahme an der Theatertherapie auf Freiwilligkeit, wobei die Patienten nach einer "Schnupperstunde" nochmals sich für oder gegen eine Teilnahme entscheiden können. Entscheiden sie sich für die Teilnahme, ist ein regelmäßiges Teilnehmen verpflichtend, was nicht zuletzt für den gruppendynamischen Prozess bedeutend ist.

In einigen Fällen entscheide ich mich für ein Vorgespräch, meistens dann, wenn ich die Patienten aus dem therapeutischen Kontext heraus noch nicht kenne, um einen ersten Einblick in den Hintergrund der Erkrankung zu bekommen, um erste Zielsetzungen mit ihnen zu erarbeiten, um für mich auch Ressourcen zu erkennen, auf die ich in der theatertherapeutischen Gruppe anknüpfen kann und nicht zuletzt um zu sehen, welche Unterstützung und Struktur dieser Patient in der Gruppe auch von mir braucht.

Die Theatertherapiearbeit ist fest in das Konzept der Klinik integriert, d.h., dass Erfahrungen, die während der Theatertherapie gemacht werden, von den Patienten in deren psychotherapeutischen Basisgruppen mit aufgegriffen, nachbearbeitet und vertieft werden können und somit eine Integration dieser Erfahrungen in den therapeutischen Alltag erfolgen kann. Darüber hinaus haben die Patienten jederzeit die Möglichkeit, außerhalb der Theatertherapie in einzeltherapeutischer Anbindung bei mir Erlebnisse und Erfahrungen aus der Gruppe weiter zu besprechen und zu bearbeiten.

Derzeit ist die Gruppe halboffen, d.h., dass immer wieder Teilnehmer die Gruppe zum Ende des Aufenthaltes verlassen und neue Teilnehmer in die Gruppe hineinkommen. Auch dafür ist für mich ein Vorgespräch von Nutzen, um entscheiden zu können, in welche Theatertherapiegruppe der Patient integriert werden kann.

Vorraussetzung für die Teilnahme an der Theatertherapie ist, dass die Patienten im Verlauf der bisherigen Basistherapie in der Klinik ein Gewicht erreicht haben, dass mindestens einem Body-Mass-Index (BMI) von 15,5 entspricht. Zum einen ist die Vorgabe dahingehend gelegt, da ich in der Theatertherapie auch mit tanz- und bewegungstherapeutischen Elementen arbeite, deren Einsatz unter dem o.g. BMI vom körperlichen Zustand der Patienten nicht förderlich ist, zum anderen ich die Erfahrung gemacht habe, dass unter diesem Gewichtsbereich z.T. häufig kognitive Einschränkungen bestehen und die Schwingungsfähigkeit reduziert ist.

Die Patienten kommen aus unterschiedlichen psychotherapeutischen Gruppen, die es im Essstörungsbereich gibt. Sie kennen sich z.T. aus den täglich nach dem Mittagessen stattfindenden verhaltenstherapeutisch-orientierten stattfindenden Anorexie- oder Bulimiegruppe. Somit sind sich die Patienten untereinander bereits vertrauter, was eine wichtige Basis für mich in der Arbeit der theatertherapeutischen Gruppe schafft. Während die psychotherapeutischen Basisgruppen eher altershomogen aufgebaut sind, ist in der Theatertherapiegruppe die Altersspanne untereinander größer. In der Regel bleiben die Patienten zwischen 3 und 6 Monaten, einige Patienten bis zu einem Jahr in der Theatertherapiegruppe, was ein längeres, z.T. intensives erlebnis- und prozessorientiertes Arbeiten in der Gruppe ermöglicht.

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4.2 Konzeptioneller Aufbau der Theatertherapie in der Klinik

Die kreativen Therapien und somit auch die Theatertherapie spielen eine wesentliche Rolle in der Therapie von Essstörungen und sind somit auch fester Bestandteil in unserem Essstörungskonzept. Patienten mit einer Essstörung sind fast immer hervorragend verbalisiert. Sie wissen gut Bescheid über ihre Krankheit samt analytischer Interpretation, aber sie sind nur selten in der Lage, eigene Gefühle zu ergründen, zuzulassen oder sogar sie auszudrücken.

So sehe ich eine wichtige Aufgabe der Behandlung, zunächst einmal Kreativität in Bezug auf sich selbst anzuregen und zu locken. Das Denken der Betroffenen ist auf die Ess-Störung konzentriert. Zu Beginn einer neuen Theatertherapie-Gruppe in der Klinik bin ich meist mit dem Problem von essgestörten Patienten konfrontiert, mit ihren üblichen Höchstansprüchen an Leistungen zurechtzukommen. Wenn Patienten das erste Mal zu mir in die Gruppe kommen, haben sie oft die Vorstellung – auch wenn sich die Inhalte und Struktur der Theatertherapie unter den Patienten "herumgesprochen" hat - dass es hier darum geht, gelernte Sätze in einem Kostüm und reichausgestattetem Bühnenbild in einem Theaterstück aufzuführen. Viele von den Patienten haben das nicht selten so in ihrer Schulzeit erlebt und so auch schon Theaterspielen für sich erfahren. So denken sie, dass sie eine ganz bestimmte Rolle bei mir einüben und lernen und ich als Leiterin dieser Theatergruppe jede einzelne Bewegung und Betonung vorschreibe, ihnen also das "Material" zum Gestalten ihrer Rolle vorgebe. Sie sind nur selten in der Lage, sich selbst zu spüren, den eigenen Körper wahrzunehmen, Hunger und Völlegefühl sind oft die einzigen Gefühle, die noch gespürt werden, und über die Gemütslage entscheidet die Zahl auf der Waage.

Menschen mit einer Essstörung nehmen die Welt um sich herum kaum mehr wahr. Es geht darum, wieder zu erlernen, ihre Umwelt mit ihren wachen Sinnen in sich aufzunehmen, das Erleben von Gemeinschaft mit den daraus resultierenden positiven und negativen Emotionen. Gerade der Umgang mit dem Körper bereitet vielen Patienten mit Essstörungen enorme Ängste. Vielleicht ist dies sogar der am stärksten geschädigte Bereich ihrer Persönlichkeit. In ihrem Körper und den verschiedensten ungelebten Emotionen fühlen sie sich am unsichersten und inkompetentesten und tragen viele schmerzliche Erinnerungen mit sich herum.

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Daher ist es hier für mich in meiner Arbeit als Theatertherapeutin sehr wichtig, mit großer Behutsamkeit vorzugehen und das Tempo den Ängstlichsten in der Gruppe anzupassen, um niemanden emotional zu überfordern. Ich erlebe anfangs zunächst fast immer eine Unbeholfenheit im eigenen Körperausdruck, ich erlebe das Körperbewusstsein und die nonverbale Ausdruckskraft nur wenig entwickelt. Häufig verbalisieren die Patienten anfangs ihre angst, zu versagen, etwas in der Theatertherapie falsch machen zu können und letzten Endes von den anderen Teilnehmern abgelehnt zu werden. Hier ist für mich zunächst wichtig, einen angstfreieren Raum zu erschaffen, ein Spielraum, der frei von Benotung und Bewertung ist. Ich versuche zu verdeutlichen, dass es nicht um besonders schönes und graziöses Tanzen geht und keine tadellosen schauspielerischen Leistungen geht. Schon hier komme ich recht schnell mit dem sehr stark ausgeprägten Perfektionsansprüchen der Patienten in Berührung.

Die theatertherapeutische Arbeit in den einzelnen Theatertherapiegruppen basiert auf vier Säulen, die häufig fließend übergehen. Diesen Aufbau der Arbeitsstrukturen halte ich als notwendig, um Sicherheit und Vertrauen zu entwickeln, damit spontanes Spiel möglich wird. Da essgestörte Patienten häufig nicht in der Lage sind, sich feste Strukturen zu schaffen, ist es gleichermaßen ein Übungsfeld diese eigene Struktursetzung entweder wiederzufinden oder für sich neu zu erlernen.

In der Phase I, der Besinnungsphase, geht es um Grounding – der "Jetzt"-Zustand wird ergründet. Das Ziel ist es, in der eigenen Befindlichkeit anzukommen, aber zeitgleich auch den Raum und die Gruppe zu erspüren. Wenn die Patienten zu mir in die Gruppe kommen, haben sie alle einen straff strukturierten Therapietag hinter sich, in dem viel über das Verbalisieren gearbeitet wird. Häufig nutze ich für diese Phase bereits kreative oder spielerische Ausdrucksformen. Diese Besinnungsphase halte ich auch sehr wichtig, um die Erfahrungen und Erlebnisse vom Therapietag für sich zu durchleuchten, zu filtern und sortieren und den Focus auf das zu richten, was im Hier und Jetzt präsent ist.

In dieser Phase setze ich kleine Körper- und Phantasiereisen, Körperwahrnehmungs- und bewegungstherapeutische Übungen sowie auch kunsttherapeutische Mittel ein. Hier liegt der Focus auf

  • Was ist jetzt gerade im Moment präsent?
  • Welche Gefühle werden gerade wahrgenommen?
  • Wo verspüre ich Unbehagen?
  • Was bewegt noch vom Therapietag und möchte mitgeteilt werden?
  • Wie ist meine Körperhaltung?
  • Was schwingt von der letzten Theatertherapie noch nach?
  • Was sind meine Ängste, Herausforderungen, Wünsche in Bezug auf die Theatertherapie?
  • Wie wird der Raum und die Gruppe wahrgenommen?

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Häufig lasse ich in dieser Phase einen Ton, ein Geräusch, ein Wort, einen Satz, eine Körperhaltung, eine Mimik und Gestik, eine Beschreibung als Wetterbericht für die momentane Befindlichkeit finden. Oder ich fordere die Patienten auf, über ein vor sich liegendes Stück Papier ihre Befindlichkeit in ein "Kunstwerk aus Papier" zu bringen, auf welches die Patienten in der nachfolgenden Anfangsrunde Bezug nehmen können. Wenn die Gruppe bereits länger zusammenarbeitet und Erfahrungen in Rollenfindung und Spiel besteht, lasse ich auch imaginär eine theatralische Figur für die momentane Befindlichkeit sich entwickeln, auf die sie dann auch in der Anfangsrunde Bezug nehmen können und in der Hauptphase ins Spiel mit übernehmen und tiefer ergründen können.

Nach dieser Besinnungsphase, die sich meistens über 5 – 8 Minuten erstreckt, folgt die Anfangsrunde. Hier hat jeder Patient Zeit und Raum, das mitzuteilen, was ausgehend von der vorherigen Phase präsent ist und mitgeteilt werden möchte. Die Anfangsrunde nimmt einen relativ großen zeitlichen Rahmen ein, in der Regel 30 – 45 Minuten. Schon hier werden für mich Themen deutlich, die ins weitere Spiel im Verlauf der Therapiestunde mit einfließen. Erst nach der Anfangsrunde ist mir klar, wo der Focus im weiteren Verlauf der Gruppe gelegt wird, was Thema im weiteren Spiel bei jedem einzelnen Patienten oder auch innerhalb der Gruppe sein kann.

Nach einer 10minütigen Pause folgen die Phasen II (ICH/DU-Raum) und die Phase III, im Phasenmodell von Emunah auch "dramatic play" benannt, in denen der Focus von der Besinnung auf sich selbst auf das Gegenüber, auf die Gruppe, auf den Raum geht. Hier geht es um einfache strukturierte Kontakt-, Grenz-, Kennlern-, Tanz- und Bewegungsspiele, interaktive Übungen im theatertherapeutischen Kontext, um die Qualitäten wie Ausdrucksfähigkeit, Kreativität und Spontanität zu aktivieren. Weiterhin kommen Stimme, Sprache, Pantomime, Verkleidungen und Masken spielerisch zum Einsatz. Ich betrachte diese beiden Phasen in meiner Arbeit im Zusammenhang, weil ich sie meistens zeitlich nicht unbedingt hintereinander einsetze, sondern diese zwei Phasen häufig sehr fließend ineinander übergehen lasse.

Das Augenmerk liegt hier auf die verschiedenen Qualitäten der Patienten, auf deren gesunde und starken Anteile. Diese Komponenten möchte ich in dieser Phase herauskristallisieren und bestärken und nicht zuletzt auch den Focus auf die Verspieltheit und Vitalität in der Gruppe lenken. Diese Phasen sehe ich als eine Art Warm-up für das weitere vertiefende Spiel, sie sollen weiterhin Sicherheit vermitteln, die Angst vor dem sich zeigen und gesehen werden durch spontanes Spiel reduziert werden. Die Patienten kommen miteinander in Bewegung und in Kontakt. Ich eröffne hier den Raum und die Erlaubnis zum Spiel und zur Spontanität, zum bewussten "Anders sein" als im Alltag und arbeite hier innerhalb dieser strukturierten Spiele und Übungen mit Übertreibungen, maximieren oder auch minimieren, um den Spielradius der Patienten bewusst zu erweitern. Als äußere Form nutze ich häufig die Kreisform, die tragend, sicherheitsgebend und unterstützend ist.

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? Beliebte Spiele bei den Patienten sind Spiele im Kreis nach dem "Stille Post"-Prinzip in unterschiedlichsten Varianten, die sich die Patienten häufig schon zu Beginn der Theatertherapie wünschen. Hier geben sie ihren Namen, Geräusche, Töne, Worte, Sätze, Haltungen und dargestellte Emotionen des Vorgängers weiter. Ziel ist es hierbei nicht, das weiterzugeben im Kreis, was von dem ersten Patienten vorgeben wurde, sondern was der vorherige Patient weitergibt. D.h., der erste Patient findet ein Wort, Satz, Haltung, der zweite gibt das, was bei ihm ankommt an den dritten weiter usw. Diese Übung erfordert Wahrnehmungsfähigkeit, Konzentration und Aufmerksamkeit auf die anderen Gruppenteilnehmer, wirkt durch den spielerischen Aspekt sehr auflockernd.

? Um im Raum anzukommen, den die Patienten häufig aus anderem therapeutischen Setting im Hause kennen, spiele ich auch häufig mit den Patienten das einfache Kinderspiel "Ich sehe was, was Du nicht siehst", d.h., die Patienten gehen zunächst durch den Raum und erkunden für sich, was es in diesem Raum alles gibt. Sie können die Gegenstände berühren, in einem Bereich des Raumes für sich verweilen - den Raum über die Sinne erforschen. Dann fängt ein Patient, während alle weiterhin zur Erkundung durch den Raum gehen, an mit dem Spiel, die anderen erraten, welchen Gegenstand er sich ausgesucht hat. So können die Patienten über diese einfach strukturierte Spiel Kontakt zum Raum aufnehmen, sie erkunden sozusagen ihren weiteren Spielraum.

? Auch zum einen um im Raum anzukommen, aber auch, um Miteinander in Kontakt zu kommen, lasse ich die Patienten in ihrem eigenen Tempo und Ausdruck durch den Raum gehen. Nachdem ich Zeit gelassen habe, um zunächst ihr jeweils eigenes Tempo und eigenen Rhytmus zu finden, geht es nun darum, Kontakt immer zu demjenigen aufzunehmen, der ihnen begegnet. Hier lasse ich zunächst nonverbale Begrüßungshaltungen finden, mit denen die Patienten sich begrüßen. Die Patienten können unterschiedliche, auch theatralisch übertriebene nonverbale Begrüßungen ausprobieren. Später soll die Stimme über Worte und Sätze hinzugenommen werden. Hier geht es schon um das Ausloten von Nähe und Distanz. Sie selbst entscheiden, wie nah sie das Gegenüber rankommen lassen möchte. Von Begrüßungen untereinander, die sehr nah, bis zu einer innigen Umarmung gehen, über einen distanzierten Händedruck oder ein Winken von einer Ecke des Raumes in die andere.

? Häufig nehme ich nach diesem Spiel diese Begrüßungen in ein Kreisspiel, wie dem o.g. "Stille Post" – Spiel mit auf oder lasse über diese Begrüßungen im Kreis auch schon kleine Szenen zu zweit improvisieren.

? Bewährt haben sich auch viele Spiele aus dem Improvisationstheater-Bereich nach K. Johnstone. Z.B. lasse ich Musik laufen, wo die Aufgabe ist, zunächst für sich selbst einen Geh- oder Tanzrhytmus zu finden. Es geht nicht um ein tolles Tanzen, sondern darum, sich von der Musik zunächst selbst bewegen zu lassen, später dann auch mit anderen in eine Bewegungssequenz zu kommen. Wenn ich die Musik stoppe, gebe ich Alltagssituationen oder auch nur Spielorte verbal in die Gruppe, zu deren Vorgaben die Patienten in der Gruppe ein dargestelltes Foto/Dia ohne lange zu überlegen miteinander erstellen sollen. In dieser gefundenen Haltung "frieren" sie ein, erst wenn die Musik wieder beginnt zu spielen, lösen sie sich aus der Haltung. Wenn hier Sicherheit und Spielfreude gewachsen ist, entwickeln sich aus diesen zunächst eingefrorenen Bildern kleine Szenen, d.h., Geräusche, Töne, Worte, Sätze können mit hinzugenommen werden, aus der Starre des Fotos können sich die Patienten lösen und in ein Interaktionsspiel kommen, Handlung kann mit eingebracht werden. Wenn die Gruppe vertrauter untereinander ist, gebe ich oft auch statt Alltagsszenen und Orte Gefühlsqualitäten vor, wo es darum geht, dieses Gefühl in einem gemeinsamen Foto auszudrücken, zunächst wieder nonverbal, später auch über Handlung und Spiel.

? Als Abgrenzungsspiel spiele ich gern mit den Patienten das Spiel: "Wenn Du das machst, mache ich das!" Dieses Spiel kann in Kreisform oder in Paaren zu zweit gespielt werden. In der Variante zu zweit, fängt Spieler A an, eine Haltung/Ausdruck vorzugeben. Spieler B nimmt diese Haltung/Ausdruck mit dem Satz "Wenn Du das machst …" an, verändert dann diese angenommene Haltung in eine eigene Haltung mit dem Teilsatz "… mache ich das!" Spieler A nimmt nun diese Haltung wie oben beschrieben an und verändert diese Haltung dann wieder in eine eigene Haltung usw.

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An dieser Stelle gäbe es unzählige Spiele und Spielvarianten, die ich im Verlauf meiner Ausbildung und auch aus der Arbeit mit den Patienten entwickeln bzw. weiterentwickeln konnte, aufzuzählen, was den Rahmen dieser Arbeit sprengen würde. Es sind Spiele und Übungen, die von der Grundstruktur häufig ähnlich sind, aber in ihren unendlichen Variiermöglichkeiten immer wieder andere und neue Effekte haben. Oft haben die Patienten viel Spaß an diesen Spielübungen. Durch die Wiederholungen gleicher bzw. auch ähnlicher Spielvarianten möchte ich den Patienten Sicherheit geben. Somit sind sie nicht immer wieder damit konfrontiert, völlig neue Spiele zu erlernen, wo sicherlich der Leistungsanspruch und Perfektionismus angesprochen wird, jedes neue Spiel richtig machen zu müssen, sondern sie erfahren über die Wiederholungen eine strukturelle Sicherheit und können somit den Focus auf das Erleben richten.

In diesen Spielphasen geht es für mich bereits um die Zielsetzungen:

  • Förderung der Eigenaktivität
  • Wahrnehmungsschulung, Wahrnehmung zu sich selbst und auch zu anderen, Wahrnehmung des Gegenübers
  • Erweiterung der Ausdrucksfähigkeit, Ausdruck von Emotionalität; Verbesserung der emotionalen Anpassung (Reaktion auf die gegebene Situation)
  • Verbesserung der sozialen Interaktion und auch der persönlichen Fähigkeiten
  • Eigene Grenzwahrnehmung und –setzung
  • Stärkung des Selbstvertrauens, Minderung der Angst zu Versagen
  • Abbau des Leistungsanspruches
  • Herauskommen aus starren und engen Strukturen, eigenen Handlungsradius erweitern.

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So geht es für mich in diesen Spielphasen darum, über aufbauende Körperwahrnehmungsübungen und nonverbalem Spiel über den Körper, über Tanz- und Bewegungsspiele, viele Stimm- und Ausdrucksspiele mit und ohne Requisiten im Kreis, bis zu einfachen Improvisationsspielen und Statusspielübungen in den eigenen körperlichen Ausdruck zu kommen, Handlungsspielräume zu eröffnen mit sich und den anderen Teilnehmern in der Gruppe. Wieviel ich hier an Struktur mit einbringe ist häufig abhängig von jedem einzelnen Teilnehmer der Gruppe und auch von dem Zugang zum Spiel, der mit eingebracht wird. Nicht selten spiele ich mit, zum einen zum besseren Verständnis der Spielübung, zum anderen aber zur Spiegelung und zur Erlaubnis des Handlungsspielraumes. Essgestörte Patienten haben einen häufig sehr starren Radius, viele Bewegungen und Äußerungen sind kontrolliert. Spontanes Spiel bedeutet für sie, den Kopf als Kontrolleur und Kritiker ihrer Selbst "außer Gefecht" zu setzten und einen Schritt in Lebendigkeit zu wagen, was sehr oft mit Angst, Trauer, Selbstzweifel, Wut und Kontrollverlust verbunden ist. Durch mein Mitspielen eröffne ich ein gemeinschaftliches Erfahrungs- und Erlebnisfeld im spielerischen Miteinander, wo es z.B. über das Nachmachen einer Haltung, eines Ausdrucks der Experimentierraum zur Vergrößerung dieser Haltung der Aktionsradius vergrößert werden kann. Somit belasse ich die Verantwortung zunächst bei mir, d.h., ich gebe die Erlaubnis dafür, dass es in Ordnung ist, sich im Anderssein, ohne kindlich zu wirken, zu zeigen, sich im Anderssein selbst zu vertreten und auch andere darin zu achten. Wichtig ist hierbei zu lernen, spontanen Eingebungen zu trauen und damit auch in seiner Umwelt zu vertreten. Hier sehe ich in meiner theatertherapeutischen Arbeit mit dieser Patientengruppe das Hauptaugenmerk – Lebendigkeit wieder zu erfahren und zu erweitern, Alternativhandlungen aus dem festen und kontrollierten Alltag der essgestörten Patienten zu erforschen und auszuprobieren, damit die eigentliche Funktion der Essstörung durch gesunde Handlungen ersetzt werden kann.

Im Verlauf dieser Phasen des Spiels werden Rollen und Themen bei den Patienten schon sichtbar, mit denen in der Phase IV vertiefend gearbeitet werden kann. Schon hier sehe ich, auf welchen emotionalen Anteil, welchen Status, welche Haltung und welche Rolle sich die Patienten im Spiel fokussieren, was Basis und Ausgangspunkt für das weitere Spiel sein kann. Es kann durchaus sein, dass, gerade wenn die Gruppe untereinander noch nicht so vertraut ist, während einer theatertherapeutischen Einheit ich nicht über die Phasen II und III hinausgehe. Bereits in diesen Phasen werden Ängste, Grenzen, Themen deutlich und den Patienten auch bewusst. Schon hier ist es manchmal sinnvoll, in die Nachbesprechungsphase überzugehen und nicht erst in das vertiefende Spiel einzusteigen.

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In der Nachbesprechung können die Patienten die im Spiel erlebten Erfahrungen, Gefühle, Grenzen und auch Wünsche mitteilen. Nicht selten wird bei den Patienten ein AHA-Erlebnis erfahren, häufig werden sie sich erstmals im therapeutischen Prozess ihrer eigenen Grenzen, Blockaden, Abwehrmechanismen, Starre bewusst, was zunächst einer Integration in das Hier und Jetzt, in die Gruppe bedarf und im weiteren Prozess vertieft werden kann.

In der Phase IV, geht es um die Improvisation kleiner Szenen, meistens von Alltagsszenen. Übungen, Haltungen aus den vorangegangenen Phasen werden verstärkt und spielerisch dargestellt. Das Improvisationsspiel ist über die fiktive Rolle verhüllend und distanziert, über diese Distanz können latent vorhandene Gefühle frei werden. Im gespielten Nicht-Ich kann der Patient nicht tolerierten Gefühlen in einer strukturierten Spielsituation Ausdruck geben, wie erwähnt, im Schutz der Rolle, ohne reale Identifikation. Der Focus hier ist auf den freien Selbstausdruck und der Spielrollenerweiterung in den improvisierten Szenen gesetzt. Das eigene Erfahrungsmaterial wird in dieser Phase spielerisch erforscht mit dem Focus darauf, welche Rolle der Patient auch im Hier und Jetzt spielt. Neben den Improvisationen von Alltagsszenen setze ich auch die Arbeit mit Märchen, improvisiert oder auch nachgespielt und in einer Improvisation weiterentwickelt, Maskenspiel oder das Spiel mit Handpuppen ein.

Manchmal kann es nicht primär um das Spielen sondern auch um das Erschaffen eines eigenen Bühnenbildes gehen, um zu reflektieren, in welchem Raum sich die Patienten gerade in ihrem eigenen Prozess befinden und welchen Platz sie in ihrem eigenen Raum einnehmen.

Beispielsweise lasse ich die Patienten, eingebettet in einer kleinen Tanzreise, sich aus verschiedenen Postkarten und Bildern eine Karte aussuchen. Nach einem kurzen Austausch und gegenseitiges Zeigen der Karten zu zweit, bekommen sie die Aufgabe, passend zur Stimmung dieser Karte mit allen Requisiten, die sich im Raum befinden einen eigenen kleinen Bühnenraum zu erstellen. Wenn dieser Raum erstellt ist, fordere ich sie auf, eine passende und stimmige Haltung zu dieser Karte und diesem Bühnenbild zu finden und sich in dieses Bühnenbild mit ihrer Haltung zu integrieren. Oft haben die Patienten an dieser Erschaffung ihres Bühnenraumes sehr viel Spaß und zeigen hier sehr viel Kreativität. Dann machen alle Patienten eine Reise durch die unterschiedlich erschaffenen Bühnenbilder. Zunächst stellt der Akteur seine gewählte Karte mit seinen Assoziationen dazu vor und präsentiert dann dieses Bühnenbild mit seiner dazu gewählten Haltung. Dann haben die Patienten Gelegenheit, ihre Assoziationen, Gedanken und Gefühle zu diesem Bühnenbild mitzuteilen. Am Ende geht es darum, dieses Bühnenbild bewusst wieder abzubauen, ein Requisit, welches für den Patienten sehr wichtig und haltgebend war aus diesem Raum können sie mit in die Nachbesprechungsphase nehmen und manchmal auch bis zur nächsten Theatertherapie mitnehmen.

Erst in der Nachbesprechung geht die Beleuchtung auf Parallelen zu bekannten Handlungs- und Verhaltensmustern, zu Parallelen aus der Lebensgeschichte. Die verbale Bearbeitung und Klärung greifen jetzt, die Basis bleibt weiterhin das Spiel und die erlebte Rolle im Spiel, um vor direkter Konfrontation zu schützen.

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Mit der Phase der "autobiografischen Inszenierung" nach Emmunah, die mehr in die Introspektion geht, in der vergangene Geschehnisse bewusst im Spiel wieder hochgeholt und wiederbelebt werde, setzte ich im theatertherapeutischen Setting an der Klinik daher bewusst nicht ein.

Gerade auch im Spiel während der Phase IV geht es neben den in den anderen Phasen angegebenen Zielinhalten weiterhin um die Verbesserung sozialer Fertigkeiten, um Verantwortung für sich und andere, um das Zusammenarbeiten, um das Äußern und auch Steuern von Gefühlen, um die Erweiterung des Verhaltensrepertoires, um die Regulierung des Selbstbildes und Stärkung des Selbstbewusstsein und der Ich-Stärke.

Wichtig halte ich auch in diesem Spiel die Rolle der Zuschauer. So achte ich, besonders auch in dieser Phase darauf, dass nicht alle Patienten in das Spiel eingebunden sind. Gerade auch bei essgestörten Patienten ist das Thema Angst vor dem Gesehenwerden und Angst vor dem Mich-zeigen sehr präsent. Nicht nur das eigene Spiel sondern auch das Zuschauen kann sehr wirkungsvoll und bewegend für den Prozess sein.

Monika, eine 23jährige anorektische Patientin, hatte gerade in ihrer Anfangszeit in der Theatertherapie sehr viel Ängste, ins eigene Spiel zu gehen. Sie wirkte sehr zurückgezogen und schüchtern im gruppentherapeutischen Kontext. Es dominierten sehr stark ihre massiven Insuffizienzgefühle, so dass sie auch im anderen gruppentherapeutischen Kontext in der Klinik eher passiv vom Eingebundensein in das haltgebende Sponsorsystem ihrer Mitpatienten profitierte. Sie fühlte sich wertlos und hatte das Gefühl, dass sie nichts falsch machen dürfe. Von ihrer Mutter hörte sie häufig Aussagen wie "Nimm nicht so viel Raum ein", "Sei nicht so egoistisch". In der Theatertherapiegruppe konnte sie kleine Übungen und Spiele mitmachen. Sie hatte zwar auch hier angst, immer wieder zu versagen, alles falsch zu machen, ließ sich aber in den Anfangsübungen und Spielen innerhalb der ersten beiden Phasen ein und hatte so den Raum, in ihrem Tempo Vertrauen in das eigene Tun aufzubauen und Halt in der Gruppe zu erfahren. Sowie es um das Improvisieren kleiner Szenen ging, setzte sie sich und schaute zu. Besonders bei dem Spiel "Eiszeit" aus dem Improvisationstheater nach K. Johnstone war sie sehr aufmerksam beim Zuschauen und konnte emotional bei den gesehenen Szenen mitschwingen. Bei dem Spiel "Eiszeit", in dem viele sehr kurze Szenen improvisatorisch aneinandergereiht werden, in dem von einer Szene zur nächsten gesprungen wird, was ein sehr lebendiges und schnelles Spiel ist, sagte sie nach dem Spiel, dass es ihr sehr viel Spaß gemacht hat zuzuschauen. Beeindruckt war sie von der Lebendigkeit im Spiel, sie verglich dieses Spiel mit einem Film, in dem gezeigt wird, wie Leben und Lebendigkeit funktioniert. Sie sprach von Sehnsucht nach mehr Lebendigkeit und einfach nur so wie sie ist da sein zu dürfen. Nach zwei Monaten traute sie sich dann auch selbst, in diesem "Film" mitzuwirken.

An diese vertiefende Spielphase knüpft eine ausführliche Nachbesprechung an, ich eröffne den Raum zum verbalen Kommentieren. Eigene Wahrnehmungen aus dem Spiel können mitgeteilt werden, Rückmeldungen können gegeben werden.

Nach dieser Runde schließe ich mit einem Tanz zu zweit als Ritual ab. Während dieses Tanzes geht es noch einmal darum, sich die Theatertherapie vor das innere Auge zu holen. Es geht um die Integration des Erlebten im Hier und Jetzt. Nach diesem Tanz erfolgt die Endrunde, in der jede Teilnehmerin mitteilen kann, wie sie jetzt aus der Gruppe geht, welche Erfahrungen sie mit in den weiteren Therapiealltag nehmen möchte, offene Fragen und Gedanken können mitgeteilt werden.

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5. "Auf die Bühne, fertig, los" -

Einblick in zwei theatertherapeutische Prozesse

5.1. Verena

(Name geändert)

Verena ist zum dritten Mal in unserem Essstörungsbereich aufgenommen worden, der letzte Aufenthalt liegt 11/2 Jahre zurück, der über eine Aufenthaltsdauer von einem Jahr und 3 Monaten ging. Davon war Verena bereits 1 Jahr bei mir in der Theatertherapiegruppe. Nun befindet sich Verena bereits seit 8 Monaten wieder in unserer Klinik, seit 5 Monaten wieder in der Theatertherapiegruppe. Aufnahmegrund war für diesen Aufenthalt ein schweres Rezidiv einer chronifizierten Anorexia nervosa (Die Patientin kam mit einem Aufnahme-BMI von 13,5 in unsere Klinik). Neben dieser Hauptaufnahmediagnose stehen auch die Diagnosen von schweren Zwangshandlungen, Störungen der Impulskontrolle/Selbstverletzungen auf dem Boden einer emotional instabilen Persönlichkeitsstörung vom Borderline-Typus mit ausgeprägten narzistischen Zügen. Aus den vorherigen Aufenthalten war mir die Patientin sehr bekannt aus einzel- und theatertherapeutischem Setting. Bekannt vom letzten Aufenthalt aus der theatertherapeutischen Arbeit war mir, die häufig in den Anfangs- und Endrunden auftretende emotionale Sprachlosigkeit mit einem inneren Gefühl von Leere und Sinnlosigkeit, die geringe Schwingungsfähigkeit und der geringen Affekttoleranz, aber im Spiel die Fähigkeit, sich in sehr hohem kreativen Maße zu zeigen in sehr viel großen und weitgefächerten Rollen mit einer großen Spiel- und Experimentierfreudigkeit, welche Verena nach diesen Spielphasen immer entwertete.

Im Vorgespräch zur Theatertherapie wirkte sie im Gegensatz zu den vorherigen Aufenthalten, in denen sie noch sehr verschlossen war, deutlich offener und mitteilsamer. Einerseits ist die Patientin motiviert, an ihrer Situation etwas zu verändern, andererseits erlebt sie immer wieder die störungsspezifische Hoffnungslosigkeit, was sich insbesondere in dem Satz aus dem Vorgespräch: "Ich habe einen Wunsch nach einem eigenen Leben und will dabei nicht verloren sein", zeigt, andererseits sie durch ihre Kränkbarkeit nach wie vor dazu neigt, aus dem therapeutischen Kontext auszusteigen, in den therapeutischen Gruppen eher eine passive Rolle einzunehmen, da jegliche Veränderung ihr Angst macht, dann nicht mehr ausreichend gesehen zu werden. Sie möchte zum einen über die Theatertherapie mehr lernen, sich mitzuteilen, mehr in eine aktive Rolle zu gehen und auch mehr Verantwortung für ein eigenständiges Leben eingebunden im sozialen Kontext übernehmen zu lernen. Sie freue sich, wieder an der Theatertherapie teilnehmen zu können, da ihr diese Therapie sehr geholfen habe. Eine Herausforderung für sie wäre Kontakt zu anderen aufnehmen zu können und mehr Nähe zulassen zu können.

In den ersten zwei Monaten fiel es Verena schwer, sich in der Anfangsrunde mitzuteilen, ihre Themen und Wünsche zu äußern. Ihre verbale Äußerung war auf zwei Sätze beschränkt, "Es geht mir … (Pause der Patientin) … nicht gut. Ich habe keinen Wunsch." Ihr war es schwer möglich, Blickkontakt zu Mitpatienten aufzunehmen. Auffallend war, dass Verena die erste war, die zur Therapie kam und sie immer einen Platz neben mir einnahm und auch nach der Therapiestunde noch einige Minuten mit mir im Raum blieb. Ich erlebte bei ihr nach außen viel Spannung, Verzweiflung und einen engen und starren Aktionsradius. Sie schien auf mich sehr gefangen in ihrer Krankheit, jeder Schritt, jeder Satz von hier wirkte auf mich sehr kontrolliert.

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Im weiteren Verlauf entschied ich mich, das Mitteilen in der Anfangsrunde über unterschiedliche Medien zu gestalten oder vor dieser Runde ein theatralisches Spiel zu setzen, was in der Anfangsrunde über das Mitteilen der momentanen Befindlichkeit mit einfließen kann. So fiel es ihr leichter, z.B. über eine Wetterbeschreibung ihr Innenleben nach außen zu bringen. Sie beschrieb dann häufig ihre Wetterlage: "Bei mir ist brodelndes Gewitter und Sturm. Es ist dunkel und durch den Sturm sehr zerstörerisch. So ist es immer mal wieder oft. Ich habe das Gefühl, dass sehr viel innerlich in Bewegung ist, was sich entladen muss, und dabei empfinde ich auch ein wenig Kraft. Ich habe keinen Wunsch für heute, ich möchte einfach nur hier sein und spielen."

Ein anderes Medium was ich häufig einsetze war, dass die Patienten vor der eigentlichen Anfangsrunde durch den Raum gingen und über eine eingespielte Musik zunächst für sich ins Tanzen kamen. Dann gab ich viele unterschiedliche Requisiten wie Hüte, Taschen, eine Blume, Boxhandschuhe, Plüschtiere, Tiere als Handpuppen nacheinander rein, wobei die Patienten die Aufgabe hatten, diese Requisiten immer wieder im Kontakt während des Tanzens weiter zu tauschen, bis am Ende jeder ein Requisit hatte. Am Ende des Tanzes legten sie diese Requisiten an einer Stelle im Raum ab, jeder konnte sich dann ein Requisit nehmen, welches ihn als erstes anspricht und welches am besten die jetzige Befindlichkeit ausdrückt. Dann kamen die Patienten mit ihrem Requisit in den Sitzkreis zurück und sollten in der Mitte des Kreises mit ihrem ausgewählten Requisit ein Stilleben/Bild erstellen, welches sooft verändert werden kann, bis es für sie stimmig ist. Verena nahm anfangs immer sehr große, grobe und machtvolle Requisiten, nie etwas feines und zartes wie z.B. eine Blume oder weibliche Maske. So waren es häufig ein Boxhandschuh, eine Lederjacke, ein klobiger Schuh oder eine Schirmmütze. In dem Bild passte sie immer sehr genau auf, dass zu den Requisiten der anderen Patienten immer genügend Platz war, sie platzierte ihr Requisit fast immer ein wenig abseits zu den anderen Requisiten. Im Anschluss ging es in der Anfangsrunde darum, über das Requisit mitzuteilen, welche Verbindung aus dem jetzigen momentanen Selbsterleben zu dem Requisit bestehen. So konnte Verena z.B. über den gewählten Boxhandschuh ihre Wut sich selbst und der Krankheit gegenüber verbalisieren. Sie habe den Boxhandschuh außerhalb platziert, weil sie andere mit dieser Wut nicht belasten möchte, möchte das nur mit sich selbst ausmachen. Sie traue sich nicht im Kontakt zu anderen diese Wut auszudrücken aus angst, die anderen gehen aus dem Kontakt heraus oder fühlen sich selbst angegriffen. Sie möchte nicht zuviel Platz und Raum einnehmen und nicht im Mittelpunkt stehen. Als Feedback von Mitpatienten bekam Verena von Patienten mitgeteilt, dass dadurch, dass sich Verena häufig in die Außenposition begibt und wenig von sich mitteilt, bei den Patienten häufig Unsicherheit ihr gegenüber wahrgenommen wird, mit der es ihnen schwer fällt, mit Verena in einen weiteren Kontakt zu gehen. Sie würden sich wünschen, dass sich Verena mehr auch mit diesen Gefühlen integriert, damit die Patienten die Möglichkeit eines Kontaktes und einer Auseinandersetzung mit ihr haben. Sie empfinden, dass sich Verena in dieser Ausgegrenztheit sehr machtvoll in den Mittelpunkt rückt.

In den eigentlichen Improvisationsspielphasen wählte sich Verena anfangs häufig Rollen, die groß und machtvoll aber auch sehr klar und stark definiert waren. Es waren fast immer Rollen in einem hohen Status. So spielte sie häufig eine strenge aggressive Mutter, eine kühle hasserfüllte Königin oder Hexe.

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Verena sagte, dass ihr diese Rollen zum einen viel Schutz gäben, Schutz dahingehend, das Geschehen innerhalb das Spiels im Überblick und unter Kontrolle behalten zu können, den Spiel aus ihrer machtvollen Rolle bestimmen zu können, zum anderen hat sie danach häufig ein befreiteres Gefühl, von ihrer inneren Aggression etwas im Spiel nach außen ausleben zu können.

Im Verlauf der Theatertherapie konnte Verena auch über Ängste und Befürchtungen nach dem Spiel sprechen, nachdem sie anfangs ohne Reflexion ihres Spieles wieder aus der Therapie herausgegangen ist. So äußerteVerena oft ein schlechtes Gewissen den anderen gegenüber, da sie über die Rollen viel Raum eingenommen hat, das Spielgeschehen häufig bestimmt hat. Auch habe sie Angst, dass die anderen Mitspieler sich verletzt fühlen und sich persönlich von ihr und ihren Rollen angegriffen fühlen. In der Nachbesprechungsphase bekam Verena hier viel Raum, um diese Befürchtungen im Hier und Jetzt zu überprüfen. So bekam sie von Mitpatienten häufig gespiegelt, dass sie in diesen Rollen sehr präsent und kraftvoll wirke. Sie erleben Verena im sonstigen therapeutischen Alltag sehr still, schwach, zurückgezogen und in sich gekehrt und sind sehr berührt, Verena in diesen Rollen kennen zu lernen. Für Verena waren diese Rückmeldungen und die Realitätsüberprüfungen im Verlauf der Therapie sehr wichtig, sie konnte diese Rückmeldungen für sich auch immer mehr annehmen und integrieren.

So war es auch außerhalb der Theatertherapie zunehmend möglich, Kontakte zu Patienten aufzubauen.

Im weiteren Verlauf der Theatertherapie konnte Verena vermehrt Rollen einnehmen, die gezielter und vertiefend ihre Zwangsproblematik wiederspiegelten. Nach zwei theatertherapeutischen Sitzungen, in denen die Patienten in vielen Spielsequenzen sich gegenseitig Rollen und Verkleidungen gegeben haben, geschöpft aus den bisherigen Sequenzen, in denen sie sich intensiver kennen gelernt haben, und in kleinen und längeren Spielszenen auf die Bühne gebracht haben, ging es nun darum, nach einer kürzeren Besprechungszeit in Dreiergruppen eine Szene zu entwickeln, in der jede Rolle ihren Platz findet und alle miteinander in ein Spiel kommen können. In den Vorübungen sollten sich die Patienten zunächst eine Haltung gegenseitig geben. Verena bekam eine Haltung, in der sie sich nach außen mit einer Hand klar abgrenzte mit der anderen Haltung imaginär etwas ganz akribisch aufschrieb. Ihre Mimik war sehr spitz und kontrollierend. Zunächst zeigte sich jeder Patient mit dieser Haltung in Form einer Statue auf der Bühne. Der zweite Schritt war, einen Satz aus dieser Haltung heraus zu finden. Verena`s Satz war: "Es muss alles seine Ordnung haben, kommt mir nicht zu nah." Im weiteren Verlauf ging es darum, mit dieser Haltung in`s Gehen zu kommen. So gingen alle Patienten mit ihren Haltungen durch den Raum. Verena ging in ihrer Haltung klar abgegrenzte Wege und achtete sehr darauf, dass niemand ihren Raum um sie herum betritt. Später ging es darum, in der Bewegung den gefundenen Satz hinzuzunehmen. Nach dem Prinzip "Nur eine geht" ist jeder Patient mit seinem Satz losgegangen und wenn er stehen geblieben ist, ging ein anderer Patient mit seiner Haltung und Satz weiter. Dieses Spiel habe ich dann erweitert, dass zwei Patienten zeitgleich losgehen, sich während dieser Spielsequenz treffen und kurz in Interaktion miteinander kommen. In der nächsten Theatertherapie ging es darum, sich gegenseitig Verkleidungen für die einzelnen Rollen, die vorgestellt wurden, zu geben. Auch hier ging es zunächst darum, in kurzen Spielsequenzen mit der Verkleidung und den Requisiten ins kurze Spiel zu gehen.

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Nun war die Aufgabe, in Dreiergruppen nach 15minütiger Besprechung eine längere Szene in den entwickelten Haltungen weiterzuentwickeln und dann zu dritt auf die Bühne zu bringen. Verena spielte einen älteren Mann, dessen einziger Raum sein Garten war. In diesem war er den ganzen Tag damit beschäftigt, seine Beete sehr genau immer wieder aus- und abzumessen und jeden kleinen Regenwurm und jedes kleines Insekt sehr akribisch aus seinem Garten zu entfernen, da diese sehr störend waren, soweit, dass die Ordnung im Garten zusammenbrechen drohte. Verena war in dieser Rolle zunächst sehr lange allein auf der Bühne. Sie ließ sich sehr viel Zeit, den o.g. Raum auf der Bühne zu installieren, was für die Patienten und letzten Endes auch für mich sehr eindrucksvoll war. Über diese Installation des Raumes und auch in dieser Rolle wurde das Spannungsfeld der Patientin sehr deutlich nach außen gebracht. Auf der einen Seite, über jede kleine Bewegung, über jedes Geschehen die Kontrolle haben zu wollen, in jedes Detail eine sehr übertriebene zwanghafte Ordnung zu bringen, auf der anderen Seite die Verzweiflung, Anstrengung und Balance auszuhalten, die mit diesen Zwängen verbunden ist. Verena kam schon am Beginn dieser Szene immer wieder außer Atem, wollte an jedem Quadratmillimeter ihres Gartens zeitgleich sein und verzweifelte immer wieder an der wiederkehrenden Unordnung ihres Gartens. Nach dieser längeren Installationsphase und Spielphase allein auf der Bühne betraten die anderen zwei Mitspieler den Bühnenraum, das waren eine überfürsorgliche ängstliche Mutter mit ihrem quängelndem, sehr lebendigen sechsjährigen Kind. Sie waren Spaziergänger in dieser Gartenkolonie und trafen nun auf diesen Mann in seinem Garten. Das Kind fragte nun ständig die Mutter, was dieser Mann dort mache, warum er so komisch sei. Die Mutter, die nun sehr besorgt um ihr Kind war, wollte das Kind dort wegzerren, wobei das Kind immer neugieriger auf diesen Mann wurde. Es wollte doch gern mit diesem Mann spielen und mit ihm ein Eis essen gehen. Die Mutter schaffte es im Verlauf dieser Szene, mit dem Kind weiterzugehen, mit dem Satz: "Das ist nichts für Dich, der ist krank!" Im Weggehen warf das Kind dem Mann in dieser Szene imaginär noch einen bunten Luftballon zu. Dann endete die Szene, die Patienten streiften sich bewusst ihre Rollen ab.

Nach dieser Szene wirkte Verena sehr gelöst und erleichtert. Sie konnte ihr eigenes Spannungsfeld in dieser Rolle wahrnehmen. In der Nachbesprechung sagte sie, dass es ihr sehr gut getan hat, dieses z.Zt. für sie sehr nahe Thema über das Spiel mitgeteilt zu haben. Sie sagte, dass es oft genauso sei, dass Menschen in ihrem Umfeld aus Angst, Unsicherheit und Hilflosigkeit sie meiden und sie sich mit ihrer Krankheit nicht gesehen fühlt. Traurig berührt hat sie die Szene mit dem Kind. Im Spiel merkte sie, dass sie sehr gern mit dem Kind gespielt hätte. Sie verbalisierte in der Nachbesprechung, dass sie oft die Sehnsucht habe, wenn sie z.B. Kinder spielen sieht, auch so unbeschwert sein zu können. Sie sagt, dass sie den kindlichen Anteil in sich selbst eher ablehnt und abwehrt aber eigentlich viel Sehnsucht da ist, auch die kindlichen phantasievollen und unbeschwerten Anteile annehmen zu können. Im Spiel wäre sie gern dem Kind nachgelaufen und hätte es zu einem Eis eingeladen, sie fühlte sich aber in ihrem Garten sehr gefangen, was sie als sehr anstrengend, verzweifelnd und traurig empfand. So ließ ich die drei Patienten nochmals in die Endphase ihrer Szene auf die Bühne gehen. Es ging darum, dass Verena im Schluss der Szene eine kleine Veränderung einbaut, welche ein kleines Stück weiter in Richtung ihres Wunsches gehen kann.

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Als in dieser Szene das Kind mit der Mutter schon im Weggehen war, machte Verena in ihrer Rolle einen Schritt mit einem Fuß auf ein sehr abgegrenztes von ihr angelegtes Beet, streckte einen Arm zu dem Kind aus mit dem Satz: "Warte, ich möchte mitkommen!" In dieser Haltung "froren" die agierenden Patienten ein und lösten sich dann aus dieser Haltung und gingen von der Bühne ab. Verena sagte danach, dass sie sich im vorherigen Schluss sehr einsam und alleingelassen fühlte....